Camouflage
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Tänzerinnen zeichnen sich durch eine Unart aus, die jeden engagierten Maskenbildner in den völligen Wahnsinn treibt: Sie schwitzen! Ausdauernd, ungehemmt und völlig zügellos! Ganz schön rücksichtslos! Nachdem sich bereits ein einzelner Schweißtropfen gnadenlos durch den liebevoll applizierten Puder fräst, wie eine Nacktschnecke durchs Salatbüffet, sind die Folgen für das Make Up absolut katastrophal. Aus dieser Not wurde eine stuntgirltaugliche Oberflächenversiegelung geboren – die Camouflage.
Das Wort stammt aus dem Französischen und bezeichnete ursprünglich die Tarnung von militärischen Befestigungen, ähnliche Tarnstrategien verfolgt auch das Make Up. Diese auf einer Wachs-Öl-Basis beruhende Wunderpampe aus der kosmetischen Hexenküche wird mit ihrer nahezu unglaublichen Resistenz gegenüber Schweiß, Wasser und mechanischer Beanspruchung nur noch von einer Ritterrüstung übertroffen.
Wenn Sie mit diesem Make Up auf die Kühlerhaube Ihres Wagens geschnallt dreimal hintereinander die Waschstraße durchlaufen, ertrinken Sie möglicherweise. Aber Sie werden trotzdem hinreißend aussehen! Die Tarnwirkung hält 24- 36 Stunden lang an, ausreichend für den längsten Auftritt oder ein komplettes Braut-Marathon. Wenn Sie nach drei feucht-fröhlich durchzechten Nächten Augenringe haben wie eine siamesische Sumpfschildkröte, außerdem einen chronischen Heuschnupfen mit roter Triefnase, Pickel wie ein Streuselkuchen und eine tätowierte Nase, wirken Sie nach dem camouflagieren dennoch wie Hulda die Quellnymphe.
Camouflage kann sogar – man höre und staune – den Bartschatten um bis zu 85% reduzieren. Ist das nicht beruhigend! Ich setze dieses Verfahren zwar noch seltener ein wie Dracula seinen Gurkenhobel, aber für Notfälle weiß ich jetzt immerhin Bescheid.
Nach einer gründlichen Reinigung der Haut schreiten wir kühn zur Tat. Als erstes wählen Sie den zu ihrer Haut passenden Farbton aus. Diese Wahl sollte weder im Rotlichmillieu noch unter den Stroboskop-Blitzen einer Disco erfolgen, sondern im hellen Tageslicht. Auf diese Weise vermeiden Sie sowohl ein poppiges Schlaganfallrot als auch fahle Mumienblässe. Der Farbton „Grün“ ist nicht etwa dazu bestimmt, Seekrankheit auch optisch zu konservieren, sondern er neutralisiert rötliche Hautstellen wie Feuermale, Narben und Verbrennungen. Falls Sie versuchen einzelne Farbtöne zu mischen, werden Sie aussehen wie ein farbenblinder Winnetou auf dem Kriegspfad. Stattdessen immer den dunkleren Farbton auf den hellen auftupfen. Wenn Ihr Originalantlitz noch nach außen durchschimmern soll, verdünnen sie die Camouflage mit Under Make Up Base, ansonsten klotzen Sie pur.
Im Originalzustand ist dieses Make Up so streichfreudig wie tiefgefrorenes Nutella. Entnehmen Sie etwas Camouflage mit dem beiliegenden Plastikspatel – natürlich ausschließlich von der Originalfirma – und verreiben Sie das cremige Pickeltarnkäppchen leicht mit dem Finger. Bei diesem Beweis Ihrer Zuneigung wird die Masse schnurrend dahinschmelzen und die erforderliche Geschmeidigkeit erhalten. Der Auftrag erfolgt nicht mit Spachtel oder Lammfellrolle, sondern mit den Fingerspitzen oder einem feuchten Latexschwämmchen.
Die aufgetupfte Schicht sollte in etwa halb so dick sein wie eine Ameisenohrläppchen, die durchschnittlichen Camouflagepreise – die man in der Regel nur flüsternd hinter vorgehaltener Hand ausspricht - erleichtern diese Strategie. Gegebenfalls können Sie im zweiten Anlauf mit einem etwas dunkleren Farbton nacharbeiten, eine fertig geschminkte Tänzerin gleicht im Querschnitt einem Baumkuchen. Lassen Sie die Ränder in einem weichen Übergang auslaufen, sonst können Sie sich gleich „MAKE UP“ auf die Stirne tätowieren lassen.
Bis zu diesem Zeitpunkt dürfen Sie während dieser kniffeligen Prozedur zwar unbekümmert fluchen, aber auf keinen Fall durch den Schminkstress ins Schwitzen geraten, die Camouflage ist immer noch instabil wie eine Tretmine mit Schluckauf. Hechten Sie sofort nach der Vollendung zur Puderquaste und attackieren Sie das Make Up mit einem Sandsturm aus transparentem Fixierpuder. Toben Sie sich völlig hemmungslos aus, zuviel Puder gibt es nicht. Dieses Wissen zählt zu den elementarsten Grundgesetzen des Make Up und wurde erstmals auf der Rückseite der Gesetztafeln Moses veröffentlicht.
Nach ca. fünf Minuten können Sie dann schon mal probeweise zu Schwitzen anfangen, jetzt müsste das Ganze eigentlich bombenfest halten. Den überschüssigen Puder können Sie mit einem Puderpinsel abstauben oder einer speziellen Camouflage-Bürste, die aussieht wie ein zu klein geratener Pferdestriegel und die sich mit etwas handwerklichem Geschick auch problemlos auf eine Bohrmaschiene montieren lässt. Bei der Anwendung nicht auf Schlagbohren stellen! Die Kosmetikindustrie bietet inzwischen auch spezielle Aufsätze für Tischstaubsauger an. Falls Sie danach immer noch aussehen wie ein puderzuckriger Faschingskrapfen, tupfen Sie die dickköpfig verbliebenen Puderreste mit einem angefeuchteten Schwamm ab.
Chronisch misstrauische Naturen greifen vorsichtshalber noch zusätzlich zum Fixierspray, anschließend können Sie ihr Make Up nur noch mit dem Stemmeisen oder einer Panzerfaust beschädigen.
Für kleinere Hautunreinheiten gibt es auch Camouflage-Stifte, die allerdings den Erwerb eines speziellen Camouflage-Spitzers erforderlich machen. Und nach vollbrachter Tat verstauen Sie Camouflage-Creme, -Stifte, -Spatel, -Fixierpuder, -Fixierspray, -Bürste und –Reinigungscreme in dem original güldenen Camouflage-Krokolederetui. Es leben die Früchte der Werbung!
Wenn Sie im Anschluss an Ihren Auftritt den versiegelten Untergrund wieder freilegen wollen, können Sie Wasser, Seife oder herkömmliche Reinigungslotionen getrost vergessen. Sandstrahlen zeigt gute Resultate, greift aber die Haut unnötig stark an, für kochende Salpetersäure gilt ähnliches. Verwenden Sie also die im Handel befindlichen Camouflagekiller in Form von Gel, Creme oder Reinigungsmilch. Wenn alles klappt, wird Ihnen schon nach wenigen Stunden Ihr erschöpftes, aber anheimelnd vertrautes Originalgesicht aus dem Spiegel entgegenlachen.
Wie sagte dereinst schon die griechische Götin der Anmut, Lavendula, die Wohlriechende so treffend:
„Vor den Erfolg haben die Götter das Make Up gesetzt!“
Möge euch der Puder leicht werden!
Copyright ©
Werner David
Erding, 2003
www.bauches-lust.de
(Guckst du – lachst du!)
Oohl reits risöörfd

