Wimpernklimpern
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Im Gegensatz zu Tennis-Spielern arbeiten Frauen hart an einem möglichst weichen Aufschlag - dem Augenaufschlag. Um die „Ich-schau-dir-in-die-Augen-Kleiner“-Wirkung zu optimieren, greifen sie dabei hemmungslos zur chemischen Trickkiste.
Make Up ist eine ganz spezielle Form weiblicher Magie, die selbst ein aufgeschlossener Mann nur in Ansätzen nachvollziehen kann. Hier offenbart sich wieder einmal die tiefe Weisheit der Evolution. Wären die Männer für´s Make Up zuständig, wäre die menschliche Rasse bereits ausgestorben. Wir würden ca. 10 Stunden am Tag fluchend vor dem Spiegel verbringen und hätten nachher nicht mehr den geringsten Bock auf irgendwelche Balz- und Paarungs-Rituale. Ein kleiner Ausblick auf die faszinierende aber unglaublich komplexe Problematik der Wimpernpflege mag die Beauty-Belastung einer Tänzerin vor dem Auftritt veranschaulichen.

Die Non plus Ultra-Profiwimper für einen gekonnten, sinnlichen Augenaufschlag ist sanft nach oben gekrümmt, dadurch wirken die Augen größer und die Wimpern länger. 99% aller deutschen DIN-Wimpern sind aber ähnlich stark gebogen wie ein Spargel. Dieser ärgerliche Zustand erfordert den Einsatz eines radikalen Hilfsmittels – der Wimpernzange. Sie gleicht dem Werkzeug eines sadistischen, zwergwüchsigen Hobby-Inquisitors. Die Wimpern werden eingeklemmt und in der Mitte kurz und herzerfrischend brutal gedrückt. Natürlich krümmen sie sich dann! Würde ich auch, wenn mich irgend so ein Spinner quetscht. Wenn Sie diese Wimpernfolter erst nach dem Tuschen anwenden, können Sie auch gleich die Schere nehmen. Papp, brech, brösel …!
Zur längerfristigen Konservierung der krummen Schönheit dient die Wimperndauerwelle, die ich zunächst für einen Witz gehalten habe. Es gibt sie allen Ernstes. Doch ehrlich! (Näheres unter www.wimpernwelle.de) Die auf diesem Sektor ausgebildeten Kosmetikerinnen sind häufig das Opfer von Nervenzusammenbrüchen, das muss wohl an den winzigen Lockenwicklern liegen.
Jede Wimper wird in der Regel auch bei Dunkelhaarigen zum Wimpernende hin heller, für knallharte Ästhetik-Fetischistinnen natürlich ein völlig untragbarer Zustand. Die kosmetische Industrie springt mit einer riesigen Palette an Farben hilfreich – und völlig uneigennützig - in diese schmerzliche Bresche. Durch das Färben wird dem Betrachter der Eindruck von mehr Fülle und Länge vorgegaukelt. Die dafür erforderlichen aufwendigen Rituale gipfeln in dem Auftragen einer obskuren Paste, die von der Kosmetikerin ähnlich vorsichtig gehandhabt wird wie Nitroglycerin kurz vor dem Siedepunkt. An mögliche Kleckerfolgen wage ich gar nicht zu denken, wahrscheinlich ein achtwöchiges Fleckfieber in poppigen Schwarztönen. Die so aufgemotzte Wimper blickt schon mit deutlich mehr Selbstbewusstsein in die Landschaft, aber eine Komponente fehlt ihr noch völlig: Volumen und Fülle! Ein klassischer Fall für Mascara, die Wimperntusche. Sie verwandelt rachitische Biafra-Wimpern in die massige Sumo-Version.
Mascara wird von speziell ausgebildeten Elfen – den Maskaraden - bei Vollmond in winzige, liebevoll gestylte, handsignierten Fläschchen abgefüllt. Die Preise sind entsprechend, sie bringen sogar professionelles Bühnenrouge zum Erbleichen. Die Inhaltsstoffe lassen jedes Chemikerherz höher schlagen: Farbpigmente, transparente Mikrokügelchen, Schwungpolymere, Naturwachs, Akaziengummie, konzentrierte Klümpchen-Killer, Weizenproteine, Seidenpartikel, Vitamine, wimpernverlängernde Fasern, Pflegeelemente und eine endlose Liste unaussprechlicher chemischer Trivialnamen. Eine Leistungssportlerin die gedankenverloren an einer Wimper knabbert, verstößt vermutlich gegen sämtliche Doping-Verbote.
Mein absoluter Favorit aus der breiten Produktpalette ist „Great Lash Blackest Black Mascara“ von Jade. Können Sie sich dem Zauber der folgenden Produktbeschreibung entziehen?
“Die Innovation von Great Lash Blackest Black liegt in einer Formel, die mit Ebenholz-Farbpigmenten angereichert wurde“. Stark! Das ist so herzerfrischend dämlich, dass es glatt von mir sein könnte.
Aber betrachten wir doch einmal den Inhalt eines solchen Fläschchens. Vorsichtig aufschrauben und langsam … HALT!!! WAS TUN SIE DA! Der Mascara-Applikator darf auf KEINEN Fall mit einer Pumpbewegung aus dem Fläschchen gezogen werden, sondern ausschließlich mit einer Drehbewegung. Das gilt auch für das Widereintauchen. Beim Pumpen gerät jedes Mal Luft in den Behälter und die Tusche trocknet in Rekordzeit aus. Vermutlich haben die Mascara-Entwickler viel Zeit und Energie in die Vervollkommnung speziell dieser Eigenschaft gesteckt.

Der Applikator hat die Form eines zierlichen Spiralbürstchens. Natürlich keine ordinäre Wurzel-Bürste aus dem Tante Emma Laden, sondern ein Hightech-Produkt, dessen Ärodynamik vermutlich im Windkanal der NASA getestet wurde. Für einen Mann sehen die Teile zwar alle gleich aus, aber laut Produktbeschreibung ist es ein unverzeihliches, grässliches Sakrileg die Bürstchen verschiedener Hersteller über einen Kamm zu scheren. Da finden sich Exemplare mit „vier kreuzweise angeordneten Spezial-Kamm-Stufen“ und eine „zum Patent angemeldete Spezialbürstchenform“. Mir schaudert vor Ehrfurcht bis tief ins Mark. Wie um alles in der Welt können Männer ohne all das leben? Bedauernswerte Mangelmutanten!
Und nun ans Werk! Den Applikator an der Mascara-Hülse abstreifen um den potentiellen Sabber-Überschuß zu entfernen, dann beginnen wir am unteren Lidrand. Ich hätte bis gestern noch heilige Eide geschworen, daß da überhaupt keine Wimpern sind! Man lernt nie aus. Am unteren Lidrand erfolgt der Farbauftrag noch relativ schüchtern, das große Kleckern startet jetzt erst am Oberlid. Das Spiralbürstchen am Wimperngrund ansetzen und mit leicht ruckelnden Bewegungen andocken bis Bürstchen und Wimpern wie Zahnräder ineinandergreifen, dann zügig aber gefühlvoll bis zu den Spitzen durchziehen. Voila! Durchatmen, nicht zittern, und auf der Unterseite der Wimpern wiederholen. Danach schließt sich eine kurze, entspannende Trocknungsphase an. Die Kosmetikindustrie bietet in Kürze schwenkbare kleine Gebläse an, die mit einem Saugnapf an der Stirne befestigt werden und die Trocknungszeit erheblich verkürzen sollen. Bei einem zu üppigen Einsatz der Wimpertusche gleicht das Ergebnis in Semmelbröseln gewälzten Fischgräten, auch in diesem Fall gilt also: Geiz ist geil!
Wimpern die mit ihren Nachbarn ein inniges Schutz- und Trutz-Bündnis eingehen, werden mit dem Bürstchen oder einem „Macht-daß-ihr-auseinander-kommt“-Barbie-Kämmchen gnadenlos getrennt. Keine Chance dem Wimpernkollektiv, es leben die Singles.
Wenn die Mascara beginnt einzutrocknen, schmeißen Sie sie ungeachtet des schweißtreibenden Preises umbarmherzig weg. Bröselige Mascara-Fliegenschisse auf der Kontaklinse erschweren den Durchblick in der Choreographie erheblich!
Um die Wimpern optisch noch mehr aufzuplustern malträtiert man sie nach dem ersten Tuschen mit einem Sandsturm aus transparentem Gesichtspuder. Das Bild eines Regenwurms, der nach dem Duschen tropfnass in einen Pool mit Puderzucker hechtet, mag die Wirkung veranschaulichen. Ein erneuter „Tusch“ beendet die Prozedur. Langsam begreife ich, warum Tänzerinnen ihre Auftritte langfristig planen müssen. Wer danach immer noch Zeit hat kann noch einen feinen Lidstrich unter die Wimpernreihe legen oder mit dem Eyeliner dunkle Punkte zwischen die Wimpern setzen, beides lässt die Wimpern noch dichter erscheinen. Natürlich soll das Ergebnis danach nicht so buschig aussehen wie die Achselhaare von Rübezahl!
Künstliche Wimpern gibt es in den abartigsten Farben und integrierten Glitzerpartikeln, am Band, in kleinen Büscheln oder als Einzelwimpern, die Stück für Stück mit einem speziellen Klebstoff (Mastix) fixiert werden. Tänzerinnen, die diese Methode favorisieren, haben in der Regel nur 2-3 Auftritte im Jahr. Daß Frauen diese Prozedur vor dem Spiegel überleben, ohne sich die Augen auszustechen ist meines Erachtens ein klarer Beweis für die Existenz einer höheren Macht im Kosmos!
Abschließend möchte ich noch die Bedeutung eines regelmäßigen Trainings der Lidmuskulatur hervorheben, die bei Hochstemmen der vollendeten Pracht Schwerstarbeit leisten.
Möge Euer Augenaufschlag sinnlich, ausdrucksstark und unwiderstehlich sein, ihr habt es euch wirklich redlich verdient!
Copyright ©
Werner David
Lukasfeldstr. 21
Erding, 2003
Oohl reits risöörfd
Website: www.bauches-lust.de (Reinschauen und ablachen!)

